Sonntag, 20. März 2016

Frau Holle liest: Leinen los! Freilauftraining für den Hund

Träumt ihr auch von entspannten Spaziergängen ohne Leine. Von einem Hund der völlig gelassen jedem Jogger, Radfahrer und Hundekollegen begegnet und jeden Hasen links liegen lässt, nur weil ihr ihn mit einem freundlichemn "hier" oder "zu mir" ruft. Dann könnte dieses Buch ein erster Schritt auf dem Weg dorthin sein.





Zum Inhalt
Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt. Im ersten Teil  werden die Grundlagen für einen sicheren Freilauf beschrieben. Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Themen Erziehung und Führung und beschreibt viele praktische Übungen. Im dritten Teil dreht sich alles um jagdlich motivierte Hunde.

„Von der Wildsicht zur Einsicht“
Schon am Anfang des Buches wird klar, hier wird mit dem Hund und nicht gegen ihn gearbeitet. Jagen beispielsweise oder hüten, sind normale Verhaltensweisen, die wir Hundebesitzer als solche verstehen müssen. Es geht nicht darum, diese Verhaltensweisen als negativ zu bewerten und  einfach abzustellen. Vielmehr müssen wir unseren Hunden ein Alternativverhalten anbieten und dieses ritualisieren.

Weil Folgen Stimmungssache ist, sollte sich jeder Hundeführer fragen ober er gerne mit jemandem wie sich selbst spazieren gehen möchte. Anspannung und Unsicherheit sind keine guten Wegbegleiter und können sich leicht auf den Hund übertragen. Überhaupt legen die Autorinnen viel Wert auf die Einsicht, wie wichtig unsere eigene Stimmung, Einstellung und Beziehung zum Hund ist.

Selbst das Jagdverhalten kann in Zusammenhang mit der Stimmung des Besitzers stehen. Ist man selber permanent angespannt, weil der Hund jagen gehen könnte und hält selbst  ständig nach Wild oder anderen Reizen Ausschau, wird der Hund das wahrscheinlich auch tun.

Gut, dass Katharina von der Leyen und Inga Böhm-Reithmeier auch noch mal mit zweifelhaften Erziehungsmethoden wie z.B. Sprühhalsband oder Rattel-Dose aufräumen. Doch auch übermäßiges Loben oder das ausschließliche Erarbeiten des Futters aus dem Futterbeutel gehören zu eher ungünstigen Trainingsmethoden.

Da zu einem entspannten Spaziergang aber auch ein stressfreier Hund gehört, informieren die Autorinnen darüber was unsere Hunde stressen kann, woran man Stress erkennt und wie man ihn vermeiden kann.

Und was brauchen wir noch auf dem Weg zum wohlerzogenen Hund? (Erziehungs-)Ziele natürlich. Wie sonst sollen wir unserem Hund den Weg weisen.

„Erziehung, Training, Führung“
Im zweiten Teil unterscheiden die Autorinnen zunächst einmal zwischen Erziehung, Training und Führung. Bei der Erziehung geht es darum, „erwünschte Verhaltensweisen durch Bestätigung und kontinuierliche Wiederholung zu formen und gleichzeitig unerwünschte Verhaltensweisen durch das Grenzen setzen dauerhaft zu verhindern“ (S.73), während man im Training seinem Hund die Grundkommandos beibringt. 

Der Aufbau sinnvoller Kommandos für den Freilauf, wie zum Beispiel „zu mir“,  „hinter mir“ oder „weiter“ werden sehr verständlich beschrieben. Dazu gibt es zur Unterstützung noch jede Menge Fotos.

Führung dagegen hat mit einer „souveränen inneren Haltung“ zu tun. Wir müssen uns selbst sicher sein, damit der Hund sich an uns orientieren kann. Hierzu werden kleine praktische Übungsvorschläge gemacht, wie z.B. zur körpersprachlichen Führung, die man leicht auf jedem Spaziergang einbauen kann.

Es folgen Hinweise zum Umgang mit der Leine und Schleppleine und dazu, wie man die Leine als Hilfsmittel benutzt. Keinesfalls soll sie Kommandos ersetzen, wie man es ja oft genug sieht. Die Leine dient auch nicht dazu daran zu ruckeln, zu zerren oder zu ziehen. Sie stellt lediglich eine Begrenzung dar, die den Hund daran hindern soll im Ernstfall das Weite zu suchen.


Die Jagdspezialisten
Im letzten Teil des Buches“ werden typische Jagdhunderassen vorgestellt und die Unterschiede zwischen Vorsteh-, Schweiß-, Hüte- und Herdenschutzhund erklärt.

Den Wald beschreiben die Autorinnen als „Wohnzimmer des heimischen Wildes“ (S.209) und plädieren an den Hundebesitzer, Rücksicht auf die dort lebenden Tiere zu nehmen „Tierliebe darf nicht beim eigenen Hund aufhören“ (S.214), auch obwohl Jäger entgegen der landläufigen Meinung so gut wie nie auf Hunde schießen. Und wer schon immer mal wissen wollte, wie sich Rehe verhalten, nach dem sie mehrere Kilometer von einem Hund gejagt wurden, wo Hase und Kaninchen wohnen und warum kleine Hunde im Wald gefährlich leben, findet ebenfalls Antworten.


Mein persönliches Fazit
Dieses Buch zu lesen ist eine wahre Freude. Man spürt auf jeder Seite die Kompetenz, Erfahrung und Liebe zum Hund. Es geht nicht um Unerwünschtes Verhalten, es geht um Verständnis und Alternativen und um die eigene Persönlichkeit. Und es steckt voller praktischer und vorallem nachvollziehbarer Tipps.
Dabei handelt es sich keinesfalls um ein langweiliges Fachbuch. Wunderschöne Fotos, persönliche Erfahrungsberichte der beiden Autorinnen und ein unterhaltsamer Schreibstil, machen das Buch zu einer Lektüre, die man gemütlich abends bei einem Glas Wein auf der Couch genießen kann.

Natürlich ist nicht alles neu, was man im Buch liest, doch ich habe trotzdem noch einiges gelernt und viele neue Infos erhalten, z.B. dass das Buddeln nach Mäusen ebenfalls zum Jagdverhalten zählt oder was im Körper des Hundes bei Stresss passiert. Und selbst wenn man viele Dinge schon mal gelesen hat, so bekommt man sie hier noch mal anschaulich auf einmal präsentiert. 

Vieles ist so einfach und logisch und doch haben wir es nicht auf dem Schirm. Oder macht ihr euch vor jedem Training einen Plan. Das solltet ihr aber, denn nur wenn wir eine genaue Vorstellung davon haben, wie sich der Hund verhalten soll, können wir es ihm auch zeigen.

Man lernt eine Menge über sich selbst und über die eigene Einstellung dem Hund gegenüber. „So lange Sie nicht wirklich glauben, dass Ihr Hund tatsächlich kommt, wenn Sie ihn rufen, brauchen Sie ihn gar nicht rufen…“ (S. 61) ist eines der Zitate, das mir persönlich am  Wichtigsten war.
Was mir fehlte waren ganz konkrete Vorschläge, wie zum Beispiel „wenn Sie einen Jogger sehen, rufen Sie Ihren Hund zu sich und lassen ihn am Wegesrand absitzen“ .

Mich hat das Buch besonders dazu angeregt, meine Führungsqualitäten zu überdenken und zu verbessern. Dies ist aber natürlich sehr persönlich und jeder Leser wird wahrscheinlich andere Anregungen bekommen, die ihn zu einem besseren Hundeführer machen.

Da ich manchmal das Gefühl habe, es gehört fast schon zum guten Ton unter Hundehaltern, dass der Hund immer und überall ohne Leine läuft, (komme was da wolle und höre er ob er wolle), habe ich mich auch über die, wenn auch kurzen Exkurse zum Umgang mit Leine und Schleppleine gefreut und über den Hinweis, dass es manchmal durchaus sinnvoll ist, den Hund zum Training (wieder) über einen bestimmten Zeitraum anzuleinen. 

Es sind keine großen Neuigkeiten, die man in diesem Buch findet. Es sind die kleinen Dinge, die das Buch besonders machen. Die Selbstverständlichkeiten, die keine sind und das Naheliegende, was man oft nicht sieht. Wann immer ich das Buch aufschlage, immer finde ich etwas was mich anspricht und sind es so banale Dinge wie „setzen Sie sich Ziele“ oder denken Sie an etwas stinklangweiliges, wenn Sie Panik kriegen. Ich habe noch nie so oft an Backpapier gedacht, wie nach der Lektüre dieses  Buches.

In meinen Augen entspricht es keinem entspannten Spaziergang, wenn man den Hund ständig mit Kommandos auf den „rechten Weg“ bringen muss. Ein entspannter Spaziergang ist nur mit einem souveränen Hund möglich, der sich nur schwer aus der Ruhe bringen lässt und sich so verhält, dass er kaum noch Kommandos braucht. Das sehen die Autorinnen auch so. Ziel ist es also, durch gute Sozialisation und Erziehung den Hund zu einem souveränen Begleiter zu machen, der kaum noch Kommandos braucht.

Sehr wichtig finde ich den Hinweis der Autorinnen, dass manche Hunde den Freilauf erst „in kleineneren Dosierungen“ (S.99) lernen müssen bevor sie lange Spaziergänge ohne Leine laufen können und das Herrchen oder Frauchen sich die Zeit, die sie brauchen, nehmen sollen. 

Toll auch das Kapitel über Führung. Führung hat etwas mit der inneren Haltung zu tun. Unsere Ruhe und Gelassenheit soll sich auf den Hund übertragen. Ja, so ein Mensch wäre ich gerne. Bin ich ber leider (noch) nicht. Aber ich arbeite daran. Und auch hier lassen einen die Autorinnen, im Gegensatz zu vielen anderen Hundeerziehungsbüchern, nicht im Regen stehen. Ich werde ab sofort an meiner „Mir doch wurscht-Haltung“ (S.167) arbeiten und mich frei machen von den  Bewertungen anderer. Auch der Gedanken „Fifi, das ist deine Aufregung, nicht meine“ (S.167) kann in brenzligen Situation sicher hilfreich sein, ruhig zu bleiben. Trotzdem ist es natürlich leichter gesagt als getan, in allen Situationen gelassen zu bleiben. Hier muss wohl jeder an sich selbst arbeiten und das finde ich auch einen interessanten Aspekt. Nicht nur der Hund lernt, auch wir lernen und müssen uns weiterentwickeln.

Das Buch beinhaltet so viele Tipps und Anregungen, dass ich mir erstmal eine persönliche Liste von dem gemacht habe, was ich als erstes trainieren, üben oder ausprobieren möchte. Ich hätte sonst die Hälfte vergessen.


Die Autorinnen
Inga Böhm-Reitmeier wuchs in einer Jägerfamilie auf und beschäftigte sich schon von Kindesbeinen an mit der Führung von Jagdhunden. Sie absolvierte viele verschiedene Fachausbildungen bei weltweiten Experten, wie z.B. Linda Tellington-Jones, Turid Rugaas oder Clarissa von Reinhardt und hält europaweit unterhaltsame Vorträge und Wordshops rund um das Thema Hund. Daneben ist die gelernte Arzthelferin noch Fachautorin für das Thema Hundeerziehung und  leitet die Hundeschule „Waldtraining für Mensch und Hund“ in Bayern.

Hundeexpertin Katharina von der Leyern wuchs ebenfalls mit Jagdhunden auf und war ihr Leben lang nie ohne Hund. Sie arbeitete in Australien als Tierpflegerin mit Seehunden und machte ein Praktikum bei dem deutschen Wolfsforscher Erik Ziemen. In New Mexico arbeitete sie ein Jahr lang mit Rindern, Australian Shepherds und Cattle Dogs als Cowgirl auf einer Ranch. Ihr Geld verdiente von der Leyen, die schon in New York, Paris und Los Angeles gelebt hat, mit Interviews und Berichten über Schauspieler und Künstler. Katharina von der Leyen hat bis heute schon viele Hundebücher geschrieben und die unterschiedlichsten weltweit bekannten Trainer und Verhaltensbiologen beobachten und kennenlernen dürfen. Am meisten hat sie aber nach eigener Aussage von ihren eigenen Hunden und Pflegehunden gelernt. Neben Leinen los! Ist kürzlich auch ihr wunderschöner Bildband Hundeliebe erschienen. Katharina von der Leyen lebt mit ihrem Windhunderudel in Berlin. Die freie Journalistin und Autorin schreibt unter anderem eine Kolumne für die Zeitschrift Dogs und betreibt den wundervollen Blog  www.lumpi4.de

Das Buch
Leinen los! Freilauftraining für den Hund ist im GU Verlag erschienen und kostet als Hardcover  19,99 Euro und als ebook 15, 99 Euro.
 Hier kommt ihr direkt zum Buch.

Ich bedanke mich beim Verlag für das Rezensionsexemplar.








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