Dienstag, 1. März 2016

Frau Holle liest: Sarah Kuttner, 180° Meer

Sarah Kuttner mag ich nicht nur als Moderatorin. Sie schreibt auch überraschend gute Bücher. Gerade ist ihr dritter Roman erschienen.






Zum Inhalt
Jule, Anfang dreißig, verdient ihr Geld als Sängerin. Nicht vor großem Publikum oder gar im Fernsehen sondern in Bars und Nachtclubs. Sie mag ihren Job nicht besonders, genauso wenig wie sich selbst. Und genau das ist ihr Problem. Einzig bei ihrem Freund Tim fühlt sie sich wohl. Am liebsten liegt sie in dessen Achselhöhe, denn dort ist es warm und vertraut. 

Jules Kindheit ist geprägt von einre depressive Mutter und einem Vater, der sich nach ihrem Empfinden nie für sie interessiert und die Familie im Stich gelassen hat. So musste sie für ihren jüngeren Bruder Jakob oft nicht nur große Schwester sondern auch Vater und Mutter sein. 

Zu ihrer Mutter hat sie noch engen Kontakt. Diese ist ihr allerdings auch heute keine Hilfe. Im Gegenteil, sie nervt Jule mit ständigen anrufen und ihrem Gejammer.  Mit ihrem Vater, dem sie nicht verziehen hat, dass er die Familie verlassen hat,  hat sie seit Jahren kein Wort mehr gewechselt.
Als sie sich mit Tim überwirft. beschließt sie nach London zu ihrem Bruder zu fahren. Von dort zieht es sie immer wieder an die Küste. Jule liebt das Meer. Es hilft ihr zu inneren Ruhe zu finden. Sie verlässt schließlich London und quartiert sich mit dem Hund von Jakobs Mitbewohnerin in ein Hotel an der Küste ein. Dort lebt auch ihr Vater, der schwer an Krebs erkrankt ist. Es kommt kurz vor seinem Tod zu einer Annäherung zwischen Vater und Tochter. Und die braucht Jule dringend, um mit sich selber Frieden zu finden.

Persönliches Fazit
180° Meer ist kein Buch, in dem sich die Ereignisse überschlagen. Es ist kein rasantes Buch, es ist kein spannendes Buch, es ist auch kein besonders witziges Buch. Aber es ist ein sehr schönes Buch. Es ist ein Buch, welches einen irgendwie berührt, eins worüber man dachdenkt und in dem man sich wiederfindet. Es geht um die oftmals komplizierte Beziehung zu den eigenen Eltern.

 In der Fülle der oberflächlichen, kitschigen, „Happy End Romane“ sticht 180° Meer heraus mit einer überraschenden Tiefgründigkeit. Es lässt sich leicht lesen ohne, dass es einfach geschrieben ist. Dazu kommen Protagonisten, die herrlich durchschnittlich sind. Weder besonders schön, besonders erfolgreich oder besonders arm dran. Einfach ganz normal und durchschnittlich. So wie wir eben. Und wer kennt denn nicht den Wunsch, mal Urlaub von sich selbst machen zu wollen?

Besonders gut gefallen hat mir auch, dass Jule, die sich so gerne selbst ein bisschen besser leiden können möchte, nicht zu einem monatelangen Trip quer durch Amerika aufgebrochen ist, um sich selbst zu finden. Sie ist auch nicht auf dem Jakobsweg gepilgert, hat in einem buddhistischen Kloster Zuflucht gesucht oder ein Jahr lang in Tansania Brunnen gebaut.  Nein, sie hat sich einfach in einem Hotel an ihrem geliebten Meer niedergelassen.  Ein Ort, den sie besonders mag. Am liebsten wenn die Sonne hinter und nicht vor den Wolken ist. 

Das Ende des Buches ist keineswegs ein glückliches. Es ist noch vieles offen und ungelöst. Und doch kann Jule hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, wenn sie ihre Zelte in England wieder abbricht (und wir als Leser mit ihr). Sie ist sich selber und ihrem Vater ein großes Stück näher gekommen und weiß nun endlich, warum sie das Meer so liebt.  Ein kitschiges Happy End, hätte der Geschichte auch nicht gut getan.

Dazu kommen viele schöne Gedanken, wie "Ich habe schon wieder kein Ziel, aber ein bisschen Bock auf einen Weg." (S.61) oder "Wir sind erst ganz am Anfang vom Ende, ......,jetzt müssen wir uns beide ein bisschen auf Nichtigkeiten ausruhen." (S.202)

Die Autorin
Sarah Kuttner wurde 1979 in Berlin geboren und arbeitet als Moderatorin. Bekannt wurde Sie mit eigenen Sendungen auf VIVA und MTV.  Zurzeit hat sie auf ZDF.neo mit „Kuttner plus Zwei“ eine eigene Talkshow.
Ihre Kolumnen für die Süddeutsche Zeitung und den Musikexpress wurden im Fischer Taschenbuch Verlag veröffentlicht. Ihr erster Roman ›Mängelexemplar‹ erschien 2009 und stand wochenlang auf der Bestsellerliste. 2011 erschien ihr zweiter Roman ›Wachstumsschmerz‹. Sarah Kuttner lebt mit ihrem Hund in Berlin.

Das Buch
180° Meer ist am 31. Dezember im S. Fischer Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 18,99 Euro und für den kindle 16,99 Euro. Hier kommt ihr direkt zum Buch. 


Ich bedanke mich beim Verlag für das Bereitstellen des Rezensionsexemplares!







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