Sonntag, 28. Mai 2017

Einen Scheiß müssen wir


Kennt ihr sie auch? Die, die immer alles besser wissen. Die, die meinen sie müssten uns sagen wie wir was machen müssen oder was wir zu tun und zu lassen haben? Falls nicht, geht einfach mal auf eine Hundewiese. Dort treffen sie sich nämlich und warten geduldig auf neue Opfer.


In meinem Leben gab es schon immer Menschen, die mir ihren „guten Rat“ aufs Auge drücken wollten, natürlich völlig ungefragt. Doch seit ich Hundehalterin bin, habe ich den Eindruck, es sind deutlich mehr geworden. Manchmal ertappe ich mich sogar selber dabei anderen ungefragte Ratschläge zu erteilen. Und dann erschrecke ich mich ganz fürchterlich, weil ich doch so nie werden wollte.

Ich weiß nicht genau, was sie antreibt. Klar ist auf jeden Fall, dass sie natürlich mit ihrem Hund alles richtig machen, vor hundert Jahren mal richtig gemacht haben oder noch besser auf jeden Fall richtig machen werden, falls sie sich irgendwann mal einen Hund zulegen sollten.  Ja, ihr habt richtig gelesen. Nicht nur Hundehalter geben mir ihr Wissen zum Besten. Auch solche die irgendwann mal einen gehabt haben, sich immer schon einen gewünscht haben oder im Fernsehen regelmäßig Cesar Millan und „Hund, Katze, Maus“ gucken.

Meine erste Hündin, die wir in hohem Alter aus dem Tierheim gerettet haben, war auf Grund starker Schmerzen in den Gelenken nicht gerade verträglich und hatte anfangs eine Leinenagression, die sich gewaschen hat. Wenn man mit so einem Hund spazieren geht und nicht sofort in den ersten zwei Wochen das passende Erziehungsmittel für sich und den Hund gefunden hat, bekommt man sehr, sehr viele sehr hilfreiche Ratschläge, wie zum Beispiel diesen:
·         Sie müssen ihrem Hund nur zeigen, wer der Chef ist, dann gibt sich das von selbst.
 „Ach, so einfach ist das. Ja, dann mach ich das mal.“

oder diesen:
·         Sie müssen ihren Hund ins Sitz schicken, bis wir vorbei sind.
 „Ja, das ist ja gaaanz einfach. Ein Hund, der erst ein paar Tage bei einem wohnt und vorher wer weiß wo gelebt hat, kann man ja auch ganz leicht ins Sitz schicken und dann bleibt er dann natürlich ganz ruhig sitzen bis der andere Hund laut kläffend vorbei gegangen ist. Und ausserdem lasse ich meinen Hund bei 8 Grad unter Null nicht absitzen, so.“

Dann trafen wir noch auf die Wurtsfraktion:
·      Sie müssen ihren Hund mit Fleischwurst belohnen, wenn er bei Hundebegegnungen lieb war. Dann lernt er schon ganz schnell, was sie von ihm wollen. Fleischwurt hat bei unserem Hund ware Wunder bewirkt. Es hilft gegen alles.  „Das ist ja toll. Auch gegen Zecken, Durchfall, Arthrose und Krebs? Das da noch nie jemand drauf gekommen ist."
Auch schön, wenn man mit einem unverträglichen Hund spazieren geht und unangeleinte Hunde auf einen zustürmen und man den Besitzer dann freundlich bittet seinen Hund doch kurz zu sich zu rufen und anzuleinen bis wir vorbei sind. Ich habe dann z.B. das zu hören bekommen:
·         Sie müssen ihrem Hund dann eben einen Maulkorb aufziehen.
 „Ne, ne ist klar. Damit ihr Hund weiterhin völlig ungebremst in alle Hunde reinknallen kann.“

oder auch das:

·         Leinen Sie Ihren gefälligst ab. Die Hunde klären dass schon unter sich. (Der Besitzer einer riesigen Dogge).
„Nur das meine Hündin alt und frisch operiert ist. Aber was soll´s, ein bisschen Schwund ist immer.“
Als ich dann Cosmo bekam und dieser, weil er außer seinem Leben im Tierheim wirklich noch nichts kannte in den ersten Tagen relativ unsicher war, waren sie natürlich alle wieder sofort  zur Stelle, die kleinen Rütters, Milans und die mit dem Hund Tänzer. 
Ein glücklicher Hund. Auch ohne ungefragte Ratschläge.
Der erste, der mir über den Weg lief war ein Nachbar mit zwei laut kläffenden Hunden an der Leine. Ich schlug mit Cosmo einen Bogen, was ihn (den Nachbarn mit seinen kläffenden Hunden) natürlich nicht davon abhielt freudestrahlend auf mich zuzukommen. Cosmo legte sich erst ängstlich auf den Boden, der Nachbar der keine Hundeschule nötig hat, da er ja bereits den vierten Hund hat, kommt natürlich trotzdem näher. Körpersprache von Hunden gehört für manche halt zu unbeliebten Fremdsprachen wie Altgrichisch und Latein. Cosmo hat hinter sich keine Rückzugsmöglichkeit mehr und fängt an zu knurren. „Da müsst ihr aber aufpassen, ruft er entsetzt, sonst beißt der ja nur noch.
Und ich so: "Häh????? Cosmo hat weder heute noch jemals gebissen. Er hat sich aus Angst lang hingeschmiessen und nur weil du Vollpfosten das nicht kapierst musste er knurren. Das ist hündische Kommunikation. Erzieh mal lieber deine Kläffer.“

Ein älterer Herr, der vor 25 Jahren mal einen Boxer hatte und heute den ganzen Tag am Garten Zaun steht, laberte mich jedesmal zu, wenn ich mit Cosmo an seinem Haus vorbei ging. Da ich erstens höflich bin und zweitens Cosmo ja lernen sollte, dass andere Menschen keine Bedrohung darstellen, blieb ich also artig stehen und hörte mir die wichtigsten Neuigkeiten aus der Nachbarschaft an, die er mir in epischer Breite erzählte. Nach dem er mich mehere Minuten mit Klatsch und Tratsch versorgt hatte, guckte er mich sehr ernst an und blickte dann auf Cosmo, der es sich am Straßenrand gemütlich gemacht hat. Offensichtlich hatte er schon bemerkt, dass wir hier nicht so schnell vorbei kommen.
 „Sie müssen mal ein bisschen schneller gehen damit sich der Hund nicht immer hinsetzt“. "Würde ich ja gerne, nur leider texten sie mich seit Minuten zu. Ausserdem finde ich es ehrlich gesagt super, wenn der Hund sich hinsetzt während ich mich unterhalte“

Hier noch ein paar grandiose Tipps die Cosmo und ich in unseren ersten gemeinsamen Wochen über uns ergehen lassen mussten.

·         Ein Hundebesitzer mit ebenfalls zwei kläffenden großen Hunden. Lassen Sie meine Hunde doch mal an ihren. „Nö.“ Aber er ist doch so unsicher, da ist jeder Hundekontakt wichtig. Sie müssen Ihrem Hund mehr Sicherheit geben. 
"Mach ich! Und zwar in dem ich entscheide, welche Hunde zu meinem Hund dürfen. Und Ihre gehören leider nicht dazu."

·     Sie müssen Ihren Hund aber unbedingt barfen. Das ist die einzige gesunde Ernährungsform für Hunde.
"Würde ich gerne, traue ich mich aber im Moment nicht." (Inzwischen barfe ich übrigens tatsächlich, nur so am Rande.)

·         Wenn ihr Hund nicht gerne Auto fährt, müssen sie ihn ausschließlich im Auto füttern.
"Leuchtet mir ein, habe ich aber keinen Bock drauf."
·       Sie müssen immer vor ihrem Hund essen, rät mir ein Mann der seinen großen vor Energie strotzenden Junghund in einem schlecht sitzenden Geschirr täglich zweimal für 10 Minuten um den Sportplatz führt (und ihn mittlerweile wieder im Tierheim abgegeben hat).  Bei den Wölfen frisst der Rudelführer auch immer zu erst. "Das Dominanzprinzip ist längst überholt, du Kasper. Laste mal lieber deinen Hund besser aus und vor allem kaufe ihm mal ein gut sitzendes Geschirr."
·         Du musst deinem Hund ein Halsband anziehen, damit lässt er sich besser führen.
"Super Idee mit zehn Metern Schleppleine hintendran."
·         Du musst mit deinem Hund ganz nah an dem Motorrad vorbei gehen, auch wenn er vor Angst keinen Schritt mehr vor dem anderen macht.
"Nö, Cosmo darf da ruhig einen Bogen drum laufen, wenn ihm das unheimlich ist"



Mittlerweile sind wir sowas von gelassen!


Leider habe ich nicht immer alle Antworten so gegeben, wie ich sie oben aufgeschrieben habe. Manchmal habe ich sie mir nur gedacht, manchmal sind sie mir erst später eingefallen. Doch im Laufe der Zeit, mit steigender Erfahrungen, steigendem Alter und steigendem Selbstbewusstsein bin ich immer schlagfertiger geworden. Und um es vorwegzunehmen: meine mittlerweile leider verstorbene Hündin und ich wir haben die Leinenagression wunderbar in den Griff bekommen (im Gegensatz zu vielen anderen Hundebesitzern, die auch heute noch laut kläffende kleine Fußhupen an der Leine hängen haben) und Cosmo ist schon nach kurzer Zeit ein fröhlicher und absolut verträglicher Junghund geworden, der mit jedem Tag selbstsicherer wird.

Und apropos selbstsicher. Wenn heute jemand meint, er müsse mir unbedingt sagen, was ich muss und wie ich es muss und wann ich es muss, dann bleibe ich (meinstens) total gelassen und denke mir:

FREUNDE, DER COSMO UND ICH, WIR MÜSSEN EINEN SCHEISS.


P.S. An alle die vielen netten, lustigen und sympathischen Hundemenschen, die wir täglich treffen, mit denen wir toben, wandern und Spaß haben. Bitte fühlt euch nicht angesprochen. Ihr seid nicht gemeint. Es sei denn, ihr gebt uns ungefragte Ratschläge ;-)



Kommentare:

  1. So ein Zufall – Panini und ich müssen auch einen Scheiß! <3 Danke!

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  2. Willkommen im Klub :-) Und ich bin sicher, wir sind nicht allein......

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